Kamp

Als Kamp 2009 mit seinem Album „Versager ohne Zukunft“ die Aufschneiderei des Battle-Rap durch ihre Umkehrung ins negative Gegenteil persiflierte, begründete er dabei ein Wien-spezifisches, entwaffnend selbstironisches Sub-Genre. Doch wie sich herausstellen sollte, hatte Kamp sehr wohl eine Zukunft, wenn auch eine mit ups and downs, wie eloquent beschrieben in „2urück ohne Zukunft“, Kamps nach 13 Jahren Pause erschienenem Comeback-Album. „Ich spuck, bis ich auf Krücken gestützt rosa Blut brunz“, rappt er im Quasi-Titeltrack „202“. Wieder ist sein musikalischer Partner, der unerklärlich aus dem schönen Meran ins depressive Wien gezogene Fid Mella mit seiner Kiste voller melancholischer alter Easy Listening-Samples bei der Hand.

Wir begegnen dem mittlerweile tief in seine Dreißiger vorgedrungenen Erzähler als „Taugenichts in der verrauchten Hütte, während es draußen schüttet“ („Wackelkontakt“). „Ein Hauch von Mensch erfüllt das Schnitzelhaus, und Augen brennen wie Müll in Spittelau – Au!“, reimt er in „Verloren Gegangen“, „Ich torkel durch diese Oaschgeburt Wien.“ Es geht oft um Alkoholismus – allerdings, bei allem Selbstmitleid, doch ohne die in Wien übliche, glorifizierende Larmoyanz. Die mattgrauen Tauben der Stsdt bevölkern als gurrende, lebende Allegorien die Szenerie, denn „das ist ihre Welt, wir leben nur drin“ („Dapigens“).

Doch je tiefer man in diese Selbststudie männlichen Scheiterns vordringt, desto klarer erkennbar werden drei über allem stehende Frauenfiguren: Die seiner verstorbenen Mutter, die seiner Partnerin und die der am Todestag der Mutter geborenen Tochter, deren Bett jetzt in dem Zimmer steht, wo früher einmal sein Studio war. „Kleiner Bauch voller Gas, lass es raus“ („V02“) ist wohl eine der zärtlichst väterlichen Zeilen, die je gerappt wurde, Kamp selbst wiederum ein realer Held der Anti-Ambition. „Doch ich muss Montags hackeln gehn wie all die andern Prolos in dem Kacksystem, lass uns gehn“ („Lunedi“).

Text: RR / Foto © Merlin Koenig

 
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