FARCE

FARCE ist, wie im Song „In Control“ überzeugend erklärt, „in control of everything I’m doing.“ Im Verlauf der Karriere der Künstler*in bedeutet das so manche stilistische Hakenschläge quer über das weite Feld zwischen Shoegaze, Elektronik und Hip Hop, auf dem aktuellen Album „Not to Regress“ kulminierend in einem ebenso gletscherhaft kühlen wie zutiefst melancholischen Pop-Sound. Das geht eigentlich nicht zusammen, aber genau darin liegt doch auch die Kunst, bzw. erklärte FARCE im FM4-Interview mit Christian Pausch: „Ich mache mir ja nicht die ganze Arbeit, um dann nicht auch selber einen emotionalen Release zu erleben.“

„I’d go to hell for you and back / There’s nothing of me that you can’t ask“, heißt es in „Trophy Wife.“ Ist das noch Sarkasmus oder schon eine Ode an die queere Liebe?

Ob FARCE sich nun in „Mama Morgana“ von der Harmonienwelt der Tropicana inspirieren lässt, oder am Ende ihrer Version von Depeche Modes „Enjoy The Silence“ (als „Thee Silence“, im Duett mit Soap&Skin) in Richtung durchprozessierten Hyperpops abbiegt, ihre Stimme gemahnt nach der Sicherheit der Präzedenz suchende Ohren an alte Heldinnen wie Liz Fraser, Tracey Thorn oder Sade. Zur kontraintuitiven Bestätigung, dass diese Musik tatsächlich aus Wien kommt, lässt ein*e scheinbar überlebensgroße FARCE auf dem Album-Cover das Kinn auf über dem Dach eines Miniatur-Stefansdoms gefalteten Armen rasten.

„Ich sehe das Album wie eine Bricolage, eine ganz kleinteilige Zusammenkunft vieler Momente und Affekte, Improvisationen, Verbindungen und Trennungen, wie Basteleien aus Glasstückchen und bunten Steinen“, erklärt der Info-Text zu „Not to Regress“. Als Inspiration zu „Déja Dub“, einer Dub-Version von FARCEs Feature auf Æther Kombos „Déja vu“, wird wiederum Walter Benjamins 1928 verfasster Erlebnisbericht „Haschisch in Marseille“ genannt: „Die Philosophie des Rausches, die psychedelische Dimension der Musik, die Art, wie Benjamin sein Erleben schildert, das alles fühlt sich sehr vertraut, mit meiner Musik verwandt an.“ FARCE, heißt es weiter, „hebt den Stephansdom hoch und dreht ihn und schaut durch seine bunt gefärbten Scheiben wie in ein Kaleidoskop.“

Text: RR / Foto @ Apollonia Theresa Bitzan

 
fm4
wien2022