Sonntag, 26. Juli 2020 22.00

SOAP&SKIN

Anja Plaschg PIANO, GESANG
Emily Stewart VIOLINE, GESANG
Martin Eberle TROMPETE
Martin Ptak POSAUNE

WAS SONST NIEMAND MIT EINEM MACHT — EINE LIEBESERKLÄRUNG VON GERHARD STÖGER
Grinser, Glück und Gänsehaut: Der frühe Abend des 3. Oktober 2015 bescherte mir einen intensiven Moment im Zeichen der drei „G“. Auf dem Wiener Heldenplatz hatten sich über hunderttausend Menschen zur Abschlusskundgebung der „Voices for Refugees“-Demonstration eingefunden, nach dem Sommer der großen Fluchtbewegung war die Stimmung noch von Hilfsbereitschaft, Solidarität und Verständnis geprägt. Die nachmittägliche Demo endete mit Konzerten, noch vor Sonnenuntergang trat, irgendwo zwischen Konstantin Wecker und Conchita Wurst, auch Anja Plaschg alias Soap&Skin auf. Nicht wie sonst üblich mit dem Ensemble an ihrer Seite, das weniger klassische Begleitband als vielmehr kleines Orchester ist. Die in einem steirischen Dorf aufgewachsene und mit 16 zum Kunststudium nach Wien gekommene Musikerin stand solo auf der Bühne, lediglich vom Laptop begleitet, und sang unter anderem Paul Simons „Homeless“, eine speziell für diesen Anlass vorbereitete Coverversion. Die Gänsehaut auf dem Rücken und der Grinser im Gesicht hielten den gesamten, vier Lieder umfassenden Auftritt über. Soap&Skin schien sich, bei ihr keinesfalls selbstverständlich, auf der Bühne wohlzufühlen, ihre Kurzdarbietung war überwältigend und zärtlich zugleich. Aus nichts Welten zu erschaffen: Keine Kunstform prägt diese Magie so stark wie die Musik – und kaum jemand verfügt über derartige Zauberkräfte wie Soap&Skin. Eine Stimme, Klavier und Elektronik, mehr war da lange nicht, aber es genügte, um Schmerz und Verzweiflung ausdrücken, immer aber auch Nähe zu erzeugen, Trost zu spenden. Formale Strenge und ungeschützte Intimität, unbedingter Perfektionismus und die Einmaligkeit des Augenblicks: In diesem scheinbaren Widerspruchsfeld schafft die 30-Jährige seit frühen Teenagerinnentagen Musik, die längst weltweit Gehör findet. Mit ihrem irgendwo zwischen Popsong und Kunstlied angesiedelten Werk steht Soap&Skin nur theoretisch in irgendwelchen Traditionen. Tatsächlich ist sie ein eigener Planet, karg und wunderschön zugleich. „Soap&Skin macht etwas mit einem, das sonst keine Musik schafft“, meinte meine, Tocher, die Teenagerin, als im Herbst 2018 nach langer Veröffentlichungspause das aktuelle dritte Album „From Gas To Solid / you are my friend“ erschienen ist. „Ist das gut oder schlecht?“, habe ich gefragt. „Gut, sehr gut“, lautete die Antwort. Es gibt keine bessere Beschreibung für die Ausnahmestellung dieser Künstlerin und die Kraft ihrer Musik.

Mein Erstkontakt war allerdings noch von massivem Unbehagen geprägt: Gerade einmal 17-jährig spielte Soap&Skin am 5. Juni 2007 ihr erstes größer aufgezogenes Wienkonzert. Bei freiem Eintritt, im Museum für angewandte Kunst. Das Ergebnis: viele Menschen, viel Unruhe und eine verunsicherte Musikerin, die mitten im Konzert von der Bühne flüchtet. Ich fühlte mich unwohl, als Voyeur, und ging ihr bis zum Dezember des nächsten Jahres lieber aus dem Weg. Da trat Plaschg als Schauspielerin im Stück „Nico – Sphinx aus Eis“ im Brut im Künstlerhaus auf und sang bei dieser Gelegenheit auch ihr eigenes Lied „Spiracle“. Für den Bruchteil einer Sekunde wendete sie sich während der Darbietung vom Mikrofon ab und schrie; ein Fixbestandteil des Songs, der live noch weit eindringlicher ist als in der Studioversion. Unverstärkt, aber mit derartiger Kraft, dass der ganze Saal erschüttert zurückblieb. Nicht nur ich habe in diesem Moment mein Herz an die Künstlerin Soap&Skin verloren. Ihr wenige Monate später nach akribischer Vorbereitung endlich in die Welt entlassenes Debütalbum „Lovetune For Vacuum“ geriet zum Triumph, ebenso alles weitere, was sie in der Folge machen sollte. Eigene Songs, Theatermusik, Auftritte in Filmen, David-Bowie-Interpretationen in Hochkulturtempeln. Mittendrin als tragischer Höhepunkt „Vater“, Plaschgs einziges deutschsprachiges Lied, ein Requiem für ihren plötzlich und unerwartet verstorbenen Vater (enthalten auf dem 2012 veröffentlichten zweiten Album „Narrow“). Wer sich Soap&Skin lieber vorsichtig nähern möchte: Sie beherrscht auch die hohe Kunst, fremde Lieder zu ihren eigenen zu machen, „Homeless“ ist dafür nur ein Beispiel unter vielen. Suchen Sie im Internet etwa, um bewusst keine als cool geltenden Vorlagen zu nennen, nach ihrer Coverversion von „She’s Crazy“, das im Original von der Kelly Family stammt. Oder, zuletzt im Corona-Shutdown als kleiner Trostspender veröffentlicht, „What’s Going On?“ von 4 Non Blondes, einer weiteren Band aus Plaschgs Kindheit, die sich auf kaum einer Hipsterliste finden dürfte.