Sonntag, 26. Juli 2020 21.00

MARIE SPAEMANN

Marie Spaemann CELLO, VOCALS, LOOP STATION

In musikalischen Postkarten denken…

EINE LIEBESERKLÄRUNG VON MIRJAM UNGER
Zwischen den Stühlen. Marie Spaemann wird oft damit konfrontiert, dass die Außenwelt sie in eine definierte Box stecken möchte. „Doch das verweigere ich.“ Sie lacht dabei und verteidigt ihre Authentizität. „Nur weil es schöner wäre, wenn man meine Musik definieren könnte, das muss ich aber nicht.“ Mittlerweile hat sich die Sängerin und Cellistin hingesetzt, auf ihren ganz eigenen Stuhl und bedient ein ganz eigenes Genre. Dort, wo das Persönliche entsteht, da ist ihre Welt. „Ein Mischmasch aus vielem.“ Cellistin, mal klassisch, mal experimentell. Bachinterpretin, Singer-Songwriterin, neuerdings auch Komponistin. Und Solistin im internationalen Hans Zimmer Orchester, mit dem sie um die Welt tourt. Marie Spaemann ist vielseitig.

Neu am Firmament der österreichischen Musikszene erscheint sie wie eine Sphinx, deren Musik und Bühnenpräsenz von ihrem Cello geprägt wird. Es gehört zu ihr wie die Luft zum Atmen, seit frühester Kindheit. Maries Mutter, Pianistin, ging mit ihr schon früh in klassische Konzerte. Marie erzählt: „Ich habe mir das Cello selbst ausgesucht. Ich habe genervt, bis ich es lernen durfte, ich war etwa sieben. Das Instrument ist mir ins Aug gestochen. Die gelassene Haltung, der warme Klang, es braucht nicht diese Verdrehung wie bei der Geige. Es hat gesund auf mich gewirkt.“ Mit dreizehn spielte sie Klassikwettbewerbe, sportlich kompetitiv. „Absurd aus heutiger Sicht, aber man lernt viel. Wettbewerbe sind weird aber faszinierend. Du übst ein Stück bis zur absoluten Perfektion.“ Auch während ihres Musikstudiums in Wien und Zagreb war Kreativität kein Thema. „Es wurde einfach nicht vorgeschlagen. Es ging immer nur um Wiedergabe.“

Rein interpretativ zu arbeiten und nicht kreativ, ist für sie heute keine Option mehr. Irgendwann kam das Gefühl, Kreativität schrecklich zu vermissen. Bei einer Ghana Reise 2012, ihrer ersten Reise nach Afrika, wachte sie eines Morgens um 5 Uhr früh mitten im Urwald auf und schrieb ihren ersten Song, um die Wucht an Emotionalität zu verarbeiten, die sie dort erlebte. Ihre eigenen Wurzeln liegen zwar in Guinea, doch plötzlich hatte Marie Spaemann den Mut zum eigenen Song „und auch der Wurschtigkeit“ wie sie sagt. „Es musste daraus ja nichts entstehen. Es war in erster Linie für mich.“

Diesen allerersten Song hat sie nie veröffentlicht. Erst später, als sie sich eine Loop Station besorgte, kam sie zu einem wichtigen Stilmittel, das man auf dem Debut Album „GAP“ (2019) hören kann. „Die Loop Station hatte ich mir besorgt, um Jazz zu schnuppern. Ich hatte auch Unterricht bei einem Jazzgeiger. Schnell bemerkte ich, ich möchte keine Jazzcellistin werden, aber Jazz und die Loop-Basis waren der Auslöser für mich, regelmäßig Lieder zu schreiben. Schreiben ist ein gutes Ventil, um Gefühle zu verarbeiten, mit denen ich mich nicht auskenne.“

Das Album wurde euphorisch von der Kritik aufgenommen, und seitdem verbreitet sich der Ruf um die hypnotische Musik von Marie Spaemann wie ein Lauffeuer. Für sie war das Album „ein guter Schritt“, ein Vorhaben, mit dem sie schon lange schwanger ging. Nur möchte sie ab jetzt nicht mehr in Alben, sondern freier denken: „In musikalischen Postkarten, die auch mal eine Minute lang sein dürfen. ich möchte nicht mehr warten auf zwölf brave Songs, um etwas zu veröffentlichen. Das kann man heute anders machen. Warum muss aus allem immer ein Song werden?“ Je länger sie musiziert, umso mehr erlaubt sie sich. Musikalische Schubladen sind für andere gemacht, aber sicher nicht für Marie Spaemann. Live öffnen ihre sombre Stimme, der Sound des Cellos, das sie streicht, zupft und dessen Holz sie perkussiv verwendet, neue, noch undefinierte Räume. Es sind die Zwischenräume, in denen sie sich zuhause fühlt. Da entflammt Maries Auteur-Soundtrack für eine behutsame Welt von morgen.