FUCKHEAD

Ich find, das ist die letzte und einzige Möglichkeit, dass Fuckhead am Popfest spielen“, sagt Popfest-Ko-Kurator Herwig Zamernik, und man will entgegenhalten: So alt sind die nun auch wieder nicht, gerade Mitte fünfzig, wiewohl schon tief im vierten Jahrzehnt ihres Bestehens. Aber er meint das wohl eher soundtechnisch, analog zum Fall Schirenc Plays Pungent Stench: Die Ausweich-Location Arena bietet den Vorteil, auch einmal richtig laut sein zu können, und das ist im Fall von Fuckhead ein immens wichtiger Teil der Zeremonie. „Die Sub-Bässe sind mir heilig“, sagte Didi Bruckmayr, die anziehend/abstoßende magnetische Frontfigur von Fuckhead, letztes Jahr in einem Interview mit der mica-Website zum 33. Bandjubiläum.
Es gab eine Zeit Ende der Achtzigerjahre, da hantierten Musikkritiker (es waren immer Männer) gern mit Worten wie „Entäußerung“ und „Katharsis“, aber keiner von ihnen traute sich wirklich so zu sein wie Didi Bruckmayr. Der ehemalige katholische Privatschüler aus Linz, der in Hardcore-Punk und Industrial seine Lizenz zur Grenzüberschreitung fand, war schon Ganzkörper-tätowiert, als man das noch nicht für Fußballer-Style, sondern für eine schockierende Form der Selbstbeschädigung hielt. „Es ist nicht so, dass man uns immer gemocht hat“, sagte Bruckmayr in oben erwähntem Interview, „Die Wiener Obergscheiden feindeten uns schnell an, haben uns aber hinnehmen müssen als wir zu groß wurden. Andere haben uns als blöde Drecksschweine bezeichnet, was gezeigt hat, dass die ironische Distanz bei vielen fehlt.“
Bruckmayrs bloße Erscheinung genoss (und genießt) in der Underground-Szene zwischen Linz und Wien und bald weit darüber hinaus jedenfalls tatsächlich ikonischen Stellenwert.
Das verstand auch der große Scott Walker, der Fuckhead 2000 als Schock-Programm bei seiner Ausgabe des Londoner Meltdown-Festival auftreten ließ. „Unter seiner Auswahl war eine österreichische Industrial-Band namens Fuckhead, die ihr Set beschlossen, indem sie sich nackt auszogen, sich eine Wäscheleine in die Hintern steckten und Kleider daran aufhingen. Das muss wohl das erinnernswerteste Finale gewesen sein, das die Royal Festival Hall je erlebt hat“, urteilte der Musikredakteur des Guardian Alexis Petridis.
„Verpflichtet der Schönheit in Klang, Wort und Bild seit 1988“, so formuliert es der Info-Text der Band, „Analoger Aktionismus, digital arts, Lärm, Schmutz, Schund und grandiose performative Desaster in Europa und Übersee von New York bis Kyoto. Zahlreiche Auftritte in Clubs und auf Festivals wie auszugsweise Transmediale/Berlin, Meltdown/London, Sonido/Montreal, What is music Sydney/Melbourne, Le lieu obliques/Nantes, Carousel/Paris, Unsound/Krakow, Skif/Moskau, Moving patterns/NYC, Impact/Utrecht, Luff/Lausanne, Ars Electronica/Linz, Donaufestival/Krems, Wien Modern und viele mehr. Schöne Musiken, bewegte Bilder, Körperskulpturen, Datenträger und sonstiger prätentiöser Scheiss für fröhliche Menschen…“.
Auf der Bühne arbeitet Bruckmayr immer mit seinem ganzen Körper, und wenn man selber nicht dabei war, aber erstaunliche Legenden über Fuckhead-Auftritte der Vergangenheit vernommen hat, gibt es erst einmal keinen Grund, sie nicht zu glauben. „Die Bilder, die von uns im Netz sind“, so Didi Bruckmayr, „sind durchaus wahr – aber wir sind auf der Bühne nicht authentisch. Wir machen es mit Hingabe, sind aber Kunstfiguren und Projektionsflächen. Je unattraktiver, je älter, je hermetischer sie sind, desto weniger Gefahr geht von uns fröhlich-resignativen Wüterichen auf der Bühne aus. Immerhin kann man viel hineininterpretieren.“
Ihr aktuelles Programm trägt den zur Wiederbelebung mehr als reifen Titel „Eat the Rich“.

Foto © Peter Bittermann