LUSTERBODEN

Man merkt: Merlin und Florian sind die Sorte Burschen, die sich ihres gewinnenden Charmes ganz offensichtlich bewusst sind, und genau das könnte man auch über ihre Songs behaupten. Im Mittelpunkt steht dabei Wien, porträtiert als Heimatstadt des Skurrilen und Schrulligen, für die wiederum dasselbe gilt wie für diese Burschen und ihre Songs.
Da wäre etwa „Träumen Haarausfall“, ein Lied mit einem zügigen twangy Power-Pop-Backing, das sich auf hohem Niveau beschwert (wie es sich für Wiener gehört): „Der Gürtel drückt auf Wien, die Stadt wird ausgepresst / Die Straßenschilder sind zu lang, die Donauärmel kurz.“
Wie alle wissen, bedeuten Träume von Haarausfall eine Angst vor Kontrollverlust, und Lusterboden spielen dementsprechend offen mit den eigenen Schwächen. Darin liegt ja ihr Beschützerinnen-Instinkte weckender Reiz. „Manchmal reicht es, sich weit weg zu trauen“, singen sie in brüderlicher Zweisamkeit im Refrain desselben Songs, aber dann drehen sie auf dem Flughafenparkplatz doch wieder um und kommen heim.
Noch was zu ihrer Brüderlichkeit: Die Verbindung von Merlin und Florian reicht bis weit in ihre Kindheit zurück. Das sieht man ihnen auch an, wenn sie etwa vertrauensvoll kurzärmelig und ohne Helm durch die Hügeln von Meidling „Vespa fahren“ („Kreisch nicht, wenn ich lenk!“). Dabei ist das öffentliche Aufwachsen im digitalen Zeitalter so indiskret: Auf Youtube sind immer noch so ungeschliffene Jugendtaten zu finden wie der flapsig jazzige (Leider-nicht-)Frühaufsteher-Song „6. Uhr“ aus dem 19er Jahr, die Strizzi-Fantasie „Der Fladerant“ aus dem in Teenager-quälender Isolation verbrachten 2020 oder „Auf der Donau Tretboot fahren“ aus dem Sommer ’23. Retrospektiv kann man Lusterboden förmlich dabei zusehen, wie sie als Freunde in ihrer Stadt heranwachsen. In diesem wie gesagt sehr charmanten Coming-of-Age-Buddy-Movie ihres bisherigen musikalischen Lebens ist es jetzt ganz offensichtlich an der Zeit für jene Schlüsselszene, wo die beiden auf der Bühne des Popfest stehen.
 
Foto © Simon Rajchl