SLADEK

Kann etwas, das es so noch nie gab, eigentlich retro sein? Sladek heißt die Band rund um Sänger, Gitarrist und Songwriter David Sladek, schlaksiger Meister des Falsetts und mit sanfter Präzision aus den Saiten gestreichelter, üppig augmentierter Akkorde. Einmal erinnert er an Curtis Mayfield selig (siehe „Stranger“), dann wieder an Sam Cooke („Things Gotta Change“), dann interpretiert er einen Bob-Marley-Song („Waiting in Vain“) von einer Reggae-Nummer zur Soul-Ballade um.
Und damit wäre auch schon das hier unvermeidliche S-Wort gefallen (Soul). Wir brauchen es, nicht nur zum Leben, sondern auch, um zu unserer Eingangsfrage zurückzukehren. Man wagt zu behaupten: Eine Soul-Band vom spezifischen Zuschnitt von Sladek, mit diesem – übrigens stilgerecht auf analogem Tape festgehaltenen – Spät-Sixties-Flair hat es in diesem Land wohl noch nie gegeben. Logischerweise nicht zu jener Zeit, als die Impressions, Smokey Robinson, Al Green oder Marvin Gaye zwischen Chicago, Memphis und Detroit diesen Sound erfanden. Und auch kaum seither, wo sich europäische Nachempfindungen amerikanischer Black Music lieber auf die verlässlich fetten Einsen des Funk zu setzen pflegen. Wenn sich in Amerika eine Band wie die Daptones oder Durand Jones & The Indications formiert, dann pflegt sie letztlich eine in Bernstein bewahrte Form von Folklore. Bei Sladek dagegen fühlt es sich an wie die Begehung von Neuland – eine positive, weil gefühl- und respektvolle Art der kulturellen „Aneignung“, die Frontman David Sladek hier vollführt, zusammen mit dem aus Jamaika stammenden Bassisten Alvis Reid und Drummer Bernhard Sorger (neu hinzugestoßen anstelle von Gründungsmitglied Raphael Vorraber), live noch verstärkt durch Taineh an Keyboards und Backing Vocals und Gloria Handlers Percussion.
 
Foto © Mathias Garmusch