Das nur alle paar Jahrzehnte zusammenfindende Zentralkomitee der Pop-Geschichtsschreibung hört sich gemeinsam „Cave“, den vor sechs Jahrzehnten erschienenen Tonträger der Wiener Band Pyrite an, als die Abgeordnete Krause irgendwo zwischen „Listings“ und „Samtstiefel im Wienfluss“ kurz auf Pause drückt und eine These vorbringt, die alles bisher gewusst Geglaubte in Frage stellt: Vielleicht, meint sie, wäre Wien ab nun als Schauplatz einer erweiterten Canterbury Scene zu betrachten, wo jene doch ohnehin immer mehr Geisteshaltung als geographische Kategorie war. Der Punkt, wo avantgardistische Arrangements, surreal bis abstrakte Textkunst und emanzipierte Dissonanzen neckisch mit dem Songformat spielen.
Henry Cow, Slapp Happy, Hatfield & The North, Gong, Caravan, National Health… irgendwo dazwischen, sagt Abgeordnete Krause zu heftigem Nicken im Gremium, seien Katharina Klein (Gitarre, Stimme), Magdalena Landl (Stimme), Clara Schmidl (Bass, Stimme), Lina Schmidl (Tasten, Stimme) und Samu (Schlagzeug, Stimme) anzusiedeln.
Dass der dem Komitee vorliegende Info-Text Pyrite als „die poppigste Underground-Band der Welt (von Wien)“ bezeichnet, wirft der Abgeordnete Allen aus dem Jenseits ein, sei allerdings Testament einer wyattesken Koketterie. Da erklingt der letzte Song des Albums, „Be Angry“, und bringt ihn zum Schweigen / belehrt ihn eines Besseren. Diese Band hat im Titelsong des erwähnten Albums von Intoleranzen gegenüber Gluten, Laktose, hier nun aber auch gegenüber unerwünschter Belästigung gesungen, doch umso stärker klingt ein Kern melodiöser Menschenfreundlichkeit in ihrer Experimentierfreude durch. „Gesungen wird auf Deutsch und Englisch, über eigentlich alles“, wie es in ihrem Band-Info heißt, „Radlfahren im Stadtverkehr, endloses Wohnungssuchen, Radio Študent (die Liebe!), Zöliakie und Melancholie, Hochstapeln und den inneren Wunsch, die ganze Welt zu unterhalten.“
Also doch Pop, nimmt das Gremium grummelnd zu Kenntnis.
Foto © Jakob Gnigler
Tag 2 – Fr 24 Juli – 00:00 TU Prechtlsaal







