Das Krokodil lauert im dunklen Tümpel und fragt sich: Ja wo isser denn, der Kasperl? Der träumt von einem Sommer wie damals. Vielleicht sitzt er grad am Karlsplatz-Teich.
Kein Sommer wie damals — vielmehr ein Sommer wie Jetzt. Natürlich freuen wir uns als leidenschaftliche Festivalmacher*innen über die neuen Öffnungen und Erleichterungen! Aber populistische, ans Sentimentale gerichtete PR-Sprüche sollen da niemand täuschen, diese Pandemie ist noch nicht überstanden. Wir nehmen die Verantwortung und probieren uns jetzt am Machbaren.

Das diesjährige 12. Popfest hat sein Open Air Herzstück vorausschauend vom Karlsplatz in die Wiener Arena verlegt: coronasicher und maximal live, hervorragende Verhältnisse für Popfest-Artists und Popfest-Publikum, in einer mehr als würdigen Location. Die Arena bietet Platz für 3000 Besucher*innen. Es gibt also natürliche Publikumsbeschränkungen, bei Erreichen der Maximalkapazität wird kein Eintritt mehr möglich sein (First Come – First Serve). Wir empfehlen daher ausdrücklich ein wirklich frühes Kommen. Der Einlass startet am Donnerstag, um 17 Uhr ansonsten um 16 Uhr, 3G-Kontrolle und Kontaktdatenerhebung werden auch ihre Zeit brauchen.
Unsere Homegrounds am Karlsplatz wollten wir auch nicht ganz verlassen, am Popfest-Sonntag wird es dort wie gewohnt das Karlsgarten open air-Programm („We are from Austria“, Diskussion & Konzerte) sowie ein eindrucksvolles Festival-Finale in der Karlskirche geben.

Noch vor wenigen Monaten gingen unsere Planungen – worst case — von 900 registrierten Sitzplätzen mit Abstandsregelungen und FFP2-Masken aus, nicht gerade ein wildes Festivalszenario vor der großen Arena Open Air Bühne. Mitten in diese leicht irren Planungen platzte die Nachricht von den Öffnungen – ab sofort also richtig Festival! Wir redimensionierten ein weiteres Mal in der Sekunde und präsentieren nun wirklich stolz und dankbar dieses wunderbare, mutige Programm unserer wunderbaren und mutigen Kurator*innen Esra Özmen und Herwig Zamernik: Es ist bunt, es ist laut und es steht „Haltung“ drauf.

Tipp bevors losgeht: Ausführlich durch diese Homepage surfen! Die Programmtexte von Robert Rotifer sind wieder eine Klasse für sich.

Danke wirklich allen, die das gemeinsam mit uns durchgestanden haben werden und Viel Vergnügen!

Christoph Möderndorfer
Popfest Wien

 

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Oder ist schon wieder alles gut? Wer weiss das schon. Auf jeden Fall hat uns dieses Thema natürlich auch beim Kuratieren des wunderbaren Popfests in den letzten 2 Jahren sehr vereinnahmt. In einem ersten Höhenflug im Herbst 2019 warfen wir mit Lieblingsbands, unentdeckten oder zu wenig beachteten Künstler*innen nur so um uns, wir redeten über Größen, die noch nie am Popfest waren und mussten uns von Musikant*innen verabschieden, die eben erst gespielt hatten und somit leider für 2020 flach fielen. Der Virus kam uns dazwischen, uns allen, und es wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Es gab plötzlich wirklich wichtigeres als sich über Popmusik zu unterhalten, über Kunst und Kultur. Feiern, Tanzen und Ausgelassenheit waren abgesagt. Es ging nur mehr ums Überleben, in allen Belangen.

Trotzdem feierten wir 2020 einen wunderschönen Ausnahmezustand in der Karlskirche, mit Voodoo, Soap & Skin, Marie Spaeman und Hirsch Fisch — ein liebevolles Trostpflaster auf unsere klaffenden Wunden. Und weil wir uns nicht aufgeben wollten und unsere Herzen weiterhin für so viele klingende Popnamen schlugen, durften wir uns weiter für 2021 ins Kurator*innendasein werfen und hoffen, dass der Virus das Jahr nicht übersteht. Es kam wieder anders.

Also zogen wir in die Arena Wien, weil nicht nur einer der schönsten Auftrittsorte Wiens (oder der Welt?), sondern im Gegensatz zum beliebten und bewährten Karlsplatz auch in Zeiten der Pandemie überschaubarer und 3G-geeignet – also sicher. Und wenn schon Regeln, dann wenigstens gut reglementierbar. Grundsätzlich sind Regeln in der Popmusik ja der Tod, aber in Zeiten von Tod sind Regeln wohl das kleinere Übel. Danke also liebe Arena Wien, dass wir hier bei Euch Unterschlupf finden durften!

Ein verdichtetes und strammes Programm haben wir uns überlegt und sogar noch mehr Zeit in die coronakonforme Durchführung gesteckt als Musik gehört. Und plötzlich… alles darf wieder, alles kann, ja muss sogar! Her mit der Euphorie! Gibt’s die überhaupt noch? Müssen wir sie wieder neu erfinden? Nein. Wir sind Meister*innen der Resilienz. Diesen Sommer feiern wir, als wenn es der letzte wäre! Denn vielleicht ist er es auch, das weiss man nie.

Wir konnten nicht alle unsere Wunsch-Acts unterbringen, aber viele! Und wir haben irgendwann aufgehört über Quoten, Prozente und Publikumstauglichkeit nachzudenken, denn es ist klar, worum es beim Popfest geht: um Haltung, um Buntheit, um Liebe und das Recht, zu sein, wie auch immer jeder, jede und jedes sein mag, sein muss und sein will. Feminismus und Antirassismus wurden und werden uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen uns dafür entscheiden. Das kann und darf in seinem Ausdruck auch weh tun und muss den Mut zur Uneitelkeit haben.

Genau so haben wir unsere Acts für dieses Popfest 2021 ausgesucht. So uneitel und vernarrt, wie wir das am liebsten haben, denn auch dafür steht die Popmusik, für ganz normale Radikalität. Eine Radikalität, die einen anderen Blickwinkel eröffnet und den Mut hat, Anderes zu sehen und zu hören. Dieser Perspektivenwechsel ermöglicht ein anderes Verständnis von der Stadt und ihrer Musik. Popmusik besteht ja nicht nur aus dem dieser Tage viel vermissten Feiern, sondern auch aus dem Selbstverständnis der Künstler*innen, die eigene Welt auf die Bühne zu stellen und dem Angebot ans Publikum, sich auf dieses Spiel und das Unbekannte einzulassen. Dieses Selbstverständnis ist die schönste Radikalität. Popfest 2021 ist kein Ausnahmezustand sondern es der Zustand der Ausnahmen.

Viel Spass!

Esra Özmen & Herwig Zamernik
Kurator*innen