BUNTSPECHT

Nie hätte das Bäumchen geahnt, welche Früchte es einmal tragen sollte: Es wurde wohl von Arcade Fire in den Nullerjahren durchgesetzt, jenes kommunale Euphorisierungsmodell einer zwischen Lagerfeuer-Folk und Indie-Rock sozialisierten Band samt Streichern und Bläsern, die groß genug ist, um als kleine Community durchzugehen, mit einer unleugbar messianischen Frontfigur in der Mitte. Doch bei Buntspecht kreuzt sich das einmal schwelende, dann durchbrechende Pathos-Potenzial ihres sechsköpfigen Formats mit einer zutiefst europäischen Tendenz, scheinbar arbiträr in Rock’n’Roll-ferne Samba‑, Swing- oder Bossanova-Rhythmen aus der südlichen Hälfte Amerikas abzubiegen.
Irgendwas Gutes musste doch schließlich aus den Kleinkindern werden, die einst bei Soli-Festen vor den Musikbühnen durchs Gras kugelten, während ihre Eltern auf den angemieteten Heurigenbänken den Sangria von heute ins aktivistische Kopfweh von morgen verwandelten. Dieweilen paradiddlet der Drummer sich in den Vordergrund, dann wieder fordert ein Stanley Clarke-geschulter Bass mehr Präsenz und erhält sie auch ganz prominent in „Paradies“, einer der Auskopplungen aus dem jüngsten Buntspecht-Album „Spring bevor du fällst“. „Die Verkabelung der Lichter zieht sich wie Adern durch die Stadt / Nichts ist zu sehen / Schneiden wir sie einmal ab“, singt Lukas Klein einleitend, „Sag mir was siehst du? / Sag mir was? / Das Paradies / Wenn du die Augen schließt / Wenn du siehst“
Man kann das als Kommentar zu unserem sinnlich verstümmelten Sozialleben im Pandemie-Jahr lesen, vor allem, wenn darauf so Zeilen folgen wie: „Im Streichelzoo der Smartphones wünscht ich, dass du mich berührst / Doch diese Zeit scheint zahnlos und kriecht auf allen Vieren“, selbstironisch gebrochen durch die gefahrlose Fern-Solidarisierung des weißen Schengenländers mit Black Lives Matter: „Schwarze Panther in Gehegen sind der allerletzte Schrei / Dort wo ich noch nie gewesen / Dort will ich sein.“
Wie gesagt, man kann das so verstehen, muss aber nicht. Man kann sich stattdessen auch einfach an Wortmalereien wie „Zerquetsch mich wie die Zwetschken als Kind“ aus „Benütz mich“ freuen. Die Songs von Buntspecht liefern da genügend diverse Zugänge.
Oder wie Popfest-Ko-Kurator Herwig Zamernik es zusammenfasst: „Buntspecht sind schon sehr zielstrebig in dem, was sie tun. Aber sie sind trotzdem irgendwie Narren. Wenn man sie live gesehen hat, das ist eine extrem umarmende Band, die irrsinnig lässig untereinander funktioniert. Das ist eine richtig gute österreichische Pop-Band.“

Foto © Alex Gotter / Collage © Florentin Scheicher